Rezension 1
Für meine erste Rezension wollte ich mir ein Buch vornehmen, welches ich besitze und aktuell noch in der SPIEGEL Bestsellerliste zu finden ist. Die Wahl fiel auf „Zeitenwende“ von Carmen Korn.
Der Roman betrachtet das Leben mehrerer Familien in Hamburg zwischen März 1970 und Dezember 1999 und bildet dabei den Abschluss der „Jahrhundert-Trilogie“, welche mit den Büchern „Töchter einer neuen Zeit“ und „Zeiten des Aufbruchs“ beginnt. Die Familien werden durch die enge Freundschaft, der um 1900 geborenen Freundinnen Henny, Lina, Ida und Käthe zusammengehalten. Die Familiengeschichte soll laut Autorin auch die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts abbilden. Der Roman ist geprägt von Lebenssituationen
Man muss Korn zugutehalten, sie hat eine Familiengeschichte geschrieben. Der Anspruch, eine Geschichte des 20. Jahrhunderts darzustellen, ist gescheitert. Der Roman hat drei grundlegende Probleme, woran er selbst scheitert. Die Figuren erfahren keine wirkliche Entwicklung, sondern reagieren maximal auf äußere Einflüsse. Die Handlung erfährt zu viele Zeitsprünge, so dass man zu häufig vor vollendete Tatsachen gesetzt wird. Der Roman ist nicht in die Geschichte eingefügt, sondern der historische Hintergrund wirkt eher wie eine Zeittafel. Das ist insbesondere daher unnütz, da die einzelnen Abschnitte immer genau sagen, zu welchem Zeitpunkt dieser spielt. Korn nutzt nicht das Potential, welches sich aus der Einbettung in historische Ereignisse ergibt. Bekannte historische Ereignisse, wie etwa der Mauerfall, werden in maximal eineinhalb Seiten abgearbeitet und nur mäßig in die Handlung eingewoben. Am längsten wird das Attentat auf die israelische Mannschaft bei den Olympischen Sommerspielen in München 1972 auf dreieinhalb Seiten beschrieben. Auf den Seiten zeigen einige Figuren ihr Entsetzen, aber es dient weder der Charakterisierung einer Figur, noch ergibt das historische Ereignis eine Bedeutung für die Handlung (S. 173-176). Danach geht der Alltag weiter und Henny und ihr Mann Theo überlegen, ob sie eine Rheinreise antreten sollen. Eine Ausnahme bildet die Gründung der RAF, zu der sich Ruth über einen Freund anschließt. Dort führt sie ein Dasein als Hinterbänklerin. Sie war wohl beteiligt am Anschlag auf den Stützpunkt der US-Armee in Heidelberg, man liest darüber aber nur in der Erzählung über den Gerichtsprozess. In schlechteren Fällen, wie der Ernennung Berlins zur künftigen Hauptstadt, kommt es einer kurzen Pressemeldung gleich. Sinnbildlich dafür steht der Einschub zur Wahl Berlins als neue Hauptstadt des wiedervereinigten Deutschlands. Er gleicht einem Pressetext mit angehängter Rhetorischer Frage (S. 527). Ein anderes Element der vermeidbaren Historizität sind die Neuerscheinungen im Buchladen, der von Lina, Louise und Momme geführt wird. Letztlich ist es ein Namedropping, bei dem man froh sein kann, wenn eine der Figuren einen Kommentar zu Buch oder dem finanziellen Absatz geben kann. Ähnlich funktioniert die Aufzählung von Marken bzw. Alltagsgegenständen. Die Gegenstände und mögliche Neuerungen werden mit den verstreichenden Jahren immer unbedeutender. Einzig „Eggchair“ möchte man nach Beendigung des Buches nicht mehr lesen.
Es ist schwierig bei den Figuren von Charakteren zu sprechen, da ihnen keine wirkliche Entwicklung widerfährt. Am meisten Einfluss hat für viele das Geschehen aus den vorherigen Bänden auf ihre aktuelle Sichtweise. Dies wird durch die Wiederholung einiger Erinnerungen bestätigt. Es treten „Konflikte“ zwischen den Figuren auf, aber sie werden zu schnell aufgelöst. Es mag bei den Konflikten Monate oder sogar Jahre an erzählter Zeit vergangen sein, die Erzählzeit beträgt nur wenige Seiten. Es gibt nur ein Konflikt der im Roman fortgesetzte Behandlung erfährt. Dies ist die Frage nach der Vaterschaft von Florentines Sohn Lorenz. Zur Auswahl stehen ihr Lebensgefährte Robert oder Alex, welcher ein kurzes Verhältnis mit ihr hatte. Letztendlich führt die Frage zu keinem Zwist zwischen den beiden Männern. Die Figuren verhalten sich stets so harmonisch zueinander, dass keine negativen Folgen auf das Beziehungsgeflecht entstehen. Zudem verhalten sich die Protagonist*innen nicht alters- und zeitgerecht. Sie verhalten sich eher wie Personen des entsprechenden Alters zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung 2018. Der Roman beginnt damit, wie sich Käthe auf der ersten Seite des Romans verhält. Sie springt über die Straße wie in ihrer Kindheit. Im Vergleich zum Verhalten Louises kann man fast von einer akkuraten Darstellung sprechen. So möchte die Lebensgefährtin Linas sich einer Schönheitsoperation unterziehen, da sie sich selbst nicht mehr als attraktiv empfindet. Das für sich genommen ist für eine 69jährige Frau 1970 schon ungewöhnlich. Plastische Chirurgie war entweder etwas zur Rekonstruktion von Körpern nach Unfällen oder etwas von prominenten Persönlichkeiten. Der Wunsch wird nur noch deplatzierter, da sie sich scherzhaft überlegt die Größe ihrer Labien zu verkleinern (S. 21). Das ist eine Idee der Gegenwart und wäre 1970 unvorstellbar gewesen, insbesondere für eine Frau ihres Alters. Dem Anspruch Frauenstimmen der alten Bundesrepublik abzubilden, wird das Buch so nicht gerecht. Dafür sind die Protagonistinnen nicht präsent genug und zeigen ein zu exzeptionelles Leben. Florentine ist ein erfolgreiches Model und wird am Ende von Ihrer Schwiegertochter mit Nadja Auermann und Kate Moss verglichen (S. 533-534). Dabei ist sie sehr unabhängig und ihr Freund kümmert sich ohne großes Murren um die Gemeinsamen Kinder und den Haushalt, während sie Aufträge in Paris oder New York hat. Nach der Model Karriere, die sehr lang andauerte, betreibt sie eine Künstlerpension. Katja wird zu einer der erfolgreichsten Fotojournalistinnen für Stern. Einzig Ruth bleibt im Arbeitsvergleich schwach, aber auch sie studierte Journalismus und war in der hinteren Reihe der RAF. Dennoch gelang es ihr später wieder etwa für die taz zu schreiben und mit ihrem Freund und späteren Mann historische Comics zu erstellen. Nur der Werdegang in den 1990er Jahren wird von der Autorin ausgelassen. Alex wird beständig als gefeierter Jazzpianist beschrieben, sein Lebensgefährte Klaus ist für ein seit langem laufendes Sendeformat im NDR zuständig und veröffentlicht spät noch ein Buch. Jon, der spätere Mann Katjas und DDR-Flüchtling kann seinen Beruf als Schauspieler an Theater und im Fernsehen weiterführen. Ihr jüngerer Bruder studiert Medizin mit Aufenthalt in den USA und übernimmt die elterliche Gynäkologie. Die Kinder dieser Generation studieren, wenn erwähnt, erfolgreich. Es gibt ein Personenverzeichnis, darin werden aber nicht alle auftretenden Personen eigens genannt, sogar welche, einen enormen Anteil an der Handlung übernehmen. Alex und Robert werden nur in der Personenbeschreibung von Florentine aufgeführt, bekommen im Roman aber so viel Anteil, dass ein eigener Eintrag gerechtfertigt wäre. Völlig fehlen sämtliche während der Handlung geborenen Kinder und die Brüder aus der DDR.
Eigentlich werden Geschichten erzählt, die interessant oder spannend sein könnten. Das Potenzial wird leider an keiner Stelle genutzt. Das heißt, die einzelnen Storyelemente sind gut. Die Flucht der Brüder Jon und Stef aus der DDR mit Hilfe von der Hälfte der Familien ist auf dem Papier ein spannendes Story Konzept, das mehr oder weniger in diese Art Buch passt. Einzig möchte diese Spannung nicht auftreten, da dem doch komplexen Prozess aus Fälschung von Reisepässen, dem einbeziehen Alexes Jazzband und der Reise von Ostberlin nach Prag kein Raum gegeben wird. Die Flucht wird auf etwa 40 Seiten erzählt, aber auf diesen Seiten wird immer wieder das Leben der anderen in Hamburg weitergeführt. Die Elemente des Plots werden nicht verknüpft nach der Methode …deswegen bzw. … aber, sondern nur mit einem …und dann. Dadurch erfolgt eine Aufzählung und keine Erzählung mit kohärenter Dramaturgie.
Es ist absolut gut queere Charaktere zu haben, allein schon der normalen Repräsentation wegen. Nur wirken sie steif und im besonderen Maße häufig nicht der Zeit entsprechend. Wobei dies, wie schon gesagt, ein Problem ist, das alle Figuren betrifft.
Mir gefallen multiperspektivische Erzählungen. In „Zeitenwende“ gelingt dies nicht, da die Figuren zu ähnlich im inneren Monolog und Sprache klingen. Gleichzeitig gibt es Erzählperspektiven, die nicht ersichtlich sind in ihrer Bedeutung für die Handlung, oder Figuren, die zu spät eine eigene Perspektive bekommen. Die Sprechstundenhilfe Gusche bekommt zwei Abschnitte aus ihrer Sicht und man muss sich Fragen warum. Es gibt ihr ein wenig einen Hintergrund, aber es ist unnötig, da dieser Hintergrund nie eine Bedeutung durch die Protagonist*innen erfährt. Zusätzlich sind die Beschreibungen von Ort und Zeit unelegant, holprig und gelegentlich wirr. Dadurch wirkt der Text komplex, ohne es wirklich zu sein.
Schlussendlich kann ich „Zeitenwende“ nicht empfehlen. Carmen Korn gelingt es nicht, eine handwerklich gut gemachte Geschichte zu erzählen, obwohl die Thematik als solche die Möglichkeit hätte. Es gibt zu viele Ungereimtheiten in der Erzählart, der Fokussierung und der fehlenden Handlung, trotz großem Geschehen. Hingegen sind die historischen Ereignisse mangelhaft mit der Erzählung verbunden und wirken wie schmückendes Beiwerk. Der Roman wäre nur einzig Menschen zu empfehlen, die unabdingbar größtmögliche harmonische Beziehungen zwischen Menschen in einer Geschichte benötigen und kein Problem damit haben, dass trotzdem Figuren auf Grund des Alters sterben.